
Das Ich in der Geiselhaft der Elite
Von unserer Redakteurin Elke Schröder
Osnabrück
Frauen vor Flusslandschaft – das hört sich nach einem wohl komponierten Gemälde mit schönen Damen an, aber auch nach eingefrorenen Gesten, nach leblosen Augen, nach Status quo. Diese Frauen können nicht sehen, sondern sollen nur gesehen werden. Letzteres trifft für die weiblichen Figuren zu, die Heinrich Böll in seinem letzten Roman in den Vordergrund rückt: Es sind Politiker-Ehefrauen, die sich als repräsentatives Beiwerk ihrer Männer im Bonner Machtzirkel zu Beginn der 80er bewegen. Der Fluss ist der Rhein, der alles mitreißt – darunter Menschen mit ihren Sehnsüchten und quälenden Erinnerungen an den Nationalsozialismus.
Der Roman erzählt die Geschehnisse weniger Tage hinter den Kulissen der großen Politik, an deren Ende ein Ministersturz und ein weiterer Selbstmord einer Politikergattin stehen, in Dialogen und Selbstgesprächen. Obgleich Böll auf wahre Ereignisse Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre (Flick-Affäre) anspielt, schrieb er keinen Schlüsselroman. Er inszenierte vielmehr zeitlos gültig politische Ränkespiele als absurdes Theater.
Die Frauen sehen, wissen alles, kennen die Drahtzieher der Demokratie und ihre schmutzigen Geschäfte – und müssen schweigen. Schweigen sie nicht, werden sie – wie Elisabeth Blaukrämer – in eine als Luxussanatorium getarnte Psychiatrie weggesperrt. Das Ich dieser Statistinnen befindet sich in Geiselhaft des politischen und wirtschaftlichen Establishments, das die Nazi-Vergangenheit verdrängt oder verschleiert. Und das über ein sich selbst erhaltendes Spinnennetz aus Korruption, Intrigen und Affären verfügt und die Amtskirche ebenso instrumentalisiert wie partnerschaftlichen Beziehung – Urthemen Bölls, die in dem Lesedrama noch mal in bitterer Schärfe auftreten. Derart abgetrennt von der wahren Vergangenheit, von Gefühlen wie Schuld, Reue oder Einsicht, geraten, quasi symbolisch für die Bonner Szenerie, zwei der Hauptfiguren, Elisabeth (55) und die Anwaltsfrau Erika Wubler (62), in eine Identitätskrise. Sie fühlen sich fremd im eigenen Land. Ihr Ausscheren zeigt sich bei Erika, als sie sich weigert, ihre öffentliche Rolle zu spielen und an der „Sicherheitsmesse“ für einen hohen Funktionär teilzunehmen. Zwar kommt es nicht zum erwarteten Skandal, doch mit diesem Tag setzt sie sich in geistige Opposition zum System, von dem sie selbst jahrelang profitierte, und denkt ans Auswandern.
Elisabeths Reise zum Ich endet mit der Selbsttötung. Die für die Karriere ihres Mannes erzählte Lebenslüge aus der NS-Zeit wickelt ihr letztlich den Strick um den Hals. Denn an ihrer „politisch unkorrekten“ Wahrheit hat niemand Interesse. Die Heimatlose erhängt sich im Sanatorium, als ihr verhasster Ehemann Minister wird.
Der Generation der 50- bis 70-Jährigen stellt Böll die von den 68ern geprägten 30-Jährigen – Außenseiter – gegenüber, wie die Kellnerin Katharina. Ihr Freigeist wird in die Schranken gewiesen, als sie den Avancen des reichen „Schwamm“ eine Abfuhr erteilt und dieser dafür sorgt, dass sie ihren Job verliert.
In einer Woche: Bernhard: "Auslöschung" (1986).
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